Entwicklung von UMTS-
Standards und Patente für die nächste Mobilfunkgeneration
HPI Potsdam, www.hpi.uni-potsdam.de
Integrierter Wettbewerb für Softwaresysteme II: Standards, Monopole, Patente
WS 2000/2001, Dipl.-Inform. Michael Strerath
Einleitung    Gruppen    Markt    Technologien    Patente    Standardisierungsgremien    Lizenzierung     Implikationen    
Gliederung    Fazit    Glossar    Quellen    Literatur   
 
 

2. Analyse der beteiligten Gruppen

Wenn man über UMTS reden will, muss man sich entscheiden, ob der technische Standard UMTS, die effizienteste Implementierung der Luftschnittstelle, die Generierung neuer Einnahmeströme, die tollen neuen Möglichkeiten mobiler Kommunikation oder Vermarktung der Trägerfrequenzen im Mittelpunkt der Betrachtung stehen sollen. Es ist weiterhin hilfreich zu erarbeiten, welche Gruppierungen zu UMTS in Beziehung dazu stehen und welches Interesse diese mit UMTS verbinden. Denn bei der Analyse des Standards UMTS und der dazu gehörigen Technologien fällt auf, dass, je nachdem welche Quelle man gerade vor sich hat, auch unterschiedliche Sichten auf diesen Standard zu Tage treten. Es kristallisieren sich dabei folgende fünf Interessengruppierungen heraus:

1. Standardisierungsgremien
2. Technologiehersteller
3. Netzbetreiber
4. Endnutzer
5. Staatliche Behörden

Diese fünf Gruppen sind im folgenden hinsichtlich ihrer Bedeutung für UMTS als Standard und als Produkt genauer zu untersuchen. Von besonderem Interesse für die kommenden Abschnitte der Untersuchung sind die Technologiehersteller und Entscheidungsgremien.

Hinweis: Die Begriffe 3G und UMTS werden im folgenden synonym verwendet. UMTS ist die Bezeichnung, die das ETSI für die 3G-Technologie eingeführt hat.


2.1 Standardsetzungsgremien

Damit sich UMTS als neues Netz mit neuer Technologie und neuen Terminals überhaupt durchsetzen kann, müssen eine Reihe von Voraussetzungen erfüllt sein. Von besonderer Wichtigkeit ist es dabei, einen weltweit möglichst einheitlichen Standard zu formulieren. Es existieren eine Reihe von Standardsetzungsgremien für Telekommunikation, im wesentlichen hat jeder Kontinent bzw. jede in der mobilen Kommunikation technologisch führende Nationen ein solches Gremium. Von besonderer Bedeutung für UMTS ist dabei das Third Generation Partnership Project (3GPP), in welcher sechs Standardsetzungsgremien zusammenarbeiten, sowie die International Telecommunication Union, welche die Bedingungen festlegt, die eine 3G-Technologie erfüllen muss.

In den Standardsetzungsgremien arbeiten Experten der Technologiehersteller, Netzbetreiber und staatlicher Behörden zusammen, um die einzelnen technischen Spezifikationen für UMTS festzulegen. Neben den technischen haben diese Spezifikationen auch viele rechtliche Implikationen, z.B. hinsichtlich Lizenzierung und Wettbewerb (Art. 81 und 82 EU Wettbewerbsrecht). So versuchen die einzelnen Parteien (vor allem die Hersteller) in diesem Gremium nicht nur, die beste Technologie herauszuarbeiten, sondern auch gleichzeitig soviel eigene Patente wie möglich einzubringen. Die Arbeit der Gremien umfasst alle Aspekte von UMTS, es geht nicht nur um Schnittstellen, Codierung und grundlegende Funktionsprinzipien, sondern auch darum, welche Dienste für die Endnutzer möglich sein werden.


2.2 Technologiehersteller

Diese Gruppe umfasst all jene Hochtechnologie- und Telekommunikationskonzerne, die über die nötigen Patente für die 3G-Technologien und/oder die Fähigkeit verfügen, dieses Wissen in Hard- oder Software umsetzen zu können. Zu dieser Gruppe zählen Unternehmen wie Ericsson, Nokia, Alcatel, Siemens, Motorola und Qualcomm. Insgesamt umfasst diese Liste alle namhaften Unternehmen, die in diesem Markt tätig sind.

Das vordergründige Interesse der Technologiehersteller ist es, ihre Technologien in Form von Netzwerkkomponenten und mobilen Terminals (Handys) an die Netzbetreiber bzw. die Endnutzer zu verkaufen. Diese Gruppe ist es auch, die die technologische Entwicklung von UMTS maßgeblich vorantreibt, denn die Komponenten, welche diese Unternehmen herstellen und verkaufen, sind von relativ haltbarer Natur: ein einmal installiertes und funktionierendes Netz bringt keine neuen Einnahmen. Wenn sich UMTS durchsetzt, müssen die Netze neu aufgebaut oder umgerüstet werden, dies bedeutet für die Technologiehersteller einen neuen Strom von Einnahmen. Ein Paradigmenwechsel wirkt gerade auf die Telekommunikationsbranche sehr belebend. Dazu kommt, dass dieses Mal die Unternehmen nicht auf lokale Märkte (lokal im weiteren Sinne, gemeint sind Europa. Nordamerika, Ostasien) beschränkt sind, so wie es anfänglich bei GSM war, sondern der Markt für UMTS global ist.

Da die mit UMTS verbundenen technischen Spezifikationen seit 1999 in einer ersten Version festgeschrieben sind und UMTS als Standard offenen Charakter hat, könnten theoretisch alle beteiligten Unternehmen über dieselbe technologische Wissensbasis verfügen. Bei genauerer Betrachtung existieren jedoch Unterschiede, Ericsson z.B. ist derzeit führend in der UMTS-Netzwerktechnik, während Motorola und NEC die ersten Handys zur Marktreife bringen können. Durch Unterschiede hinsichtlich Erfahrung und bisheriger Marktposition können die Nachteile eines offenen Standards für einzelne Unternehmen ausgeglichen werden.


2.3 Netzbetreiber

Diese wichtige Gruppe umfasst die Vielzahl an europäischen und internationalen Netzbetreibern, die ein oder mehrere Mobilfunknetze betreiben. Deren Namen sind durch eigene Nutzung und Presse hinlänglich bekannt, zu ihnen zählen Vodafone, Orange, die Deutsche Telekom, NTT DoCoMo, Panatel und One2One. Für diese Gruppe ist UMTS vor allem als neue Netzwerktechnologie entscheidend. Diese Unternehmen gehören zur Zielgruppe der Technologienutzer, denn diese Unternehmen müssen, wenn sie von Anfang an ihren Nutzern die erweiterten UMTS-Dienste anbieten wollen, die neue Netzwerktechnologie kaufen, um ihr Netz auf- oder auszubauen. Außerdem sind sie das Bindeglied beim Vertrieb der mobilen Terminals.

Die Netzbetreiber tragen auch einen großen Teil des Risikos bei der Einführung von UMTS, denn um UMTS bereitstellen zu können, muss die Infrastruktur vorhanden sein, was wiederum hohe Investitionen (auch und vor allem in die erforderlichen Frequenzbänder) erfordert. Sollte sich UMTS bei den Endnutzern nicht durchsetzen, bleiben diese auf ihren Kapazitäten und Investitionen sitzen.

Aufgrund der überragenden Möglichkeiten, die UMTS bietet, wird sich die auch Rolle der Netzbetreiber ändern. Weg von bloßem Management des Netzes hin zum aktiven Anbieten von Inhalten und Dienstleistungen. Nach Meinung von Experten ist die Einführung von UMTS für Netzbetreiber ein absolutes Muss, wenn man ein Stück vom Milliardenkuchen Telekommunikationsmarkt abhaben möchte.


2.4 Endnutzer

Über die Interessenlage dieser Gruppe kann man im Moment nur mutmaßen, da bis auf einige Testnetze noch keine flächendeckende Einführung von UMTS stattgefunden hat. Für die Nutzer bedeutet die Einführung von UMTS vor allem, dass das Internet mobil wird, Verbindungsraten möglich sind, die heute noch teuer als zusätzliche Dienste gekauft werden müssen und meist nur stationär (ISDN, xDSL) genutzt werden können. Die Liste der denkbaren Dienste ist heute schon recht lang und wird in Zukunft sicher noch länger werden. UMTS bedeutet hier eine neue Qualität in der Nutzung mobiler Telekommunikation: das Handy wird zur mobilen Informationsstation in allen Lebenslagen.

Zwar haben die Endnutzer keinen direkten Einfluss auf den Standardsetzungsprozess, jedoch sind sie es, die über Erfolg und Misserfolg von UMTS entscheiden. Sie müssen noch von der unbedingten Notwendigkeit von UMTS überzeugt werden. Ihnen kann und sollte egal sein, wie das Netz funktioniert und wie jetzt genau die Daten kodiert werden. Was ihnen jedoch nicht egal ist sind Nutzwert und Kosten der kommenden Netze. Gefordert werden eine oder mehrere "Killer Applications" (wie der Short Message Service bei GSM) und eine akzeptable Preisgestaltung der Dienste.


2.5 Staatliche Behörden

Für die Staaten, in denen das UMTS eingeführt werden soll, ist dieses Netz ein Glücksfall, denn die Frequenzen, in denen UMTS funktioniert, gehören den Staaten und diese haben das Recht, über diese begrenzte Ressource zu verfügen. Dies nahmen ein Reihe von europäischen Staaten zum Anlass, die entsprechenden Frequenzbänder unter den Netzbetreibern zu versteigern.

Die Preise, die bei diesen Auktionen erreicht wurden, sind astronomisch. In Deutschland z.B. mussten sechs Netzbetreiber jeweils rund 16 Milliarden Mark bezahlen, um überhaupt die Voraussetzung zu schaffen, am UMTS-Geschäft teilnehmen zu können. Darüber hinaus haben die Regierungen noch gewisse Bedingungen an die Vergabe der UMTS Frequenzen geknüpft, so muss z.B. in Deutschland bis Ende 2003 25 Prozent der Bevölkerung theoretisch im UMTS-Netz telefonieren können, sonst wird die Lizenz wieder entzogen. Weiterhin ist das Nutzungsrecht der Frequenzen auf 20 Jahre begrenzt.




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